Seit über 30 Jahren gehe ich mehr oder weniger dem gleichen Beruf nach.
Anfänglich war mein Beruf auch meine Berufung, er war mein Hobby, er hat Spass gemacht.
Ich habe 1983 auf einem Texas Instruments TI-99/4A angefangen zu „programmieren“, in Basic.
Mehr aus Lust am Spielen als mit dem Gedanken mal mit Computern mein Geld zu verdienen.


Meine damalige Freundin war zu jeder Zeit nicht sehr davon begeistert, dass ich den Computer Ihr vorzog, aber was soll’s, es hat Spass gemacht. Sie hat zwar auch Spass gemacht, aber ich war doch recht schnell in den Bann dieser kleinen Wundermaschine gezogen, die ohne zu murren alles das machte was man Ihr ihr in kleinen logischen Schritten sagte.
Leider war der TI-99/4A nur eine Leihgabe des Vaters meiner Freundin, irgendwann musste ich das Teil notgedrungen zurückgeben, aber zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits Blut geleckt und wollte mehr.

Ein neuer „Rechner“ musste her und als nahezu mittelloser Auszubildender wurde in der Familie eifrig die Werbetrommel gerührt, bis sich endlich mein Großvater erbarmte und mir das nötige Geld für einen Schneider CPC-464 lieh.
Meinen ursprünglichen Berufswunsch nach der Lehre als KFZ-Mechaniker zu arbeiten habe ich dann auch ad Acta gelegt aber nicht ohne mir vorher einen adäquaten Rechner fürs Big-Business anzuschaffen, einen Schneider PC.

Ich machte als den nächsten Jahren mein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach und begann Wirtschaftsinformatik zu studieren mit dem festen Entschluss die Welt mit meinen selbstgeschriebenden Programmen zu revolutionieren.
Das hat auch ganz gut funktioniert, meine erste große selbstentwickelte Anwendung war ein Warenwirtschaftssystem in DBase/Clipper, dann ein Programm für das Verteidigungsministerium für Taiwan, das finde ich heute noch komplett irre, verschiedene Programmieraufträge für diverse Unternehmensberatungen in denen es meistens um Lageroptimierungs-Algorithmen ging, aber auch Finanzdienstleister und Verlage zählten zu meinem damaligen Kunden.
Nebenbei betrieb ich eine der wenigen Multi-Line BBS Systeme in Bayern, war einer der größeren FidoNet-Hubs in Süddeutschland. Ihr müsst euch vorstellen, das wir das alles damals mit einer Datenübertragungsrate von maximal 19200 Baud und höchst illegalen, weil von der Deutschen Post nicht zugelassenen, analogen Modems, gemacht haben.
Für die jungen unter euch: Das ist 8738 mal langsamer als eine 16 MBit DSL Leitung und wer heute den Dreisatz noch beherrscht könnte jetzt ausrechnen wie sich das zu einer 100 MBit Leitung verhält.
1996 wurde ich dann einer der ersten Internet-Service-Provider im süddeutschen Raum, anfänglich hatte ich eine 64 kBit Standleitung, die dann auf 128 kBit und später auf 2×2 MBit aufgebohrt wurde.
Das waren goldenen Zeiten, bis dann Anfang 2000 die DotCom-Blase platze.
Auf einmal konnten gut und gerne 50% meiner Kunden nicht mehr bezahlen, aber ich hatte langfristige und teure Standleitungen bei der Telekom eingekauft. Neue Kunden waren nicht in Sicht, die großen Telko’s drängten mit ADSL auf den Markt und es kam wie es kommen musste: Auch meine kleine aber feine GmbH wurde ein Opfer der DotCom-Blase. Autsch, das hat wirklich geschmerzt.

Es folgen einige Jahre als in der Touristikbranche, als Gameserver-Anbieter, und Freiberufler für Typo3, Asterisk, Webentwicklung, Trainer, Referent, Betriebsunterstüzung, Serverkonsollidierung und –virtualisierung und auch wieder für ein durchaus anspruchsvolles Klientel, immer hin zählten Microsoft, Oracle, Allianz und E.on zu meinen Kunden aber trotzdem habe ich Anfang 2011 vom selbständigen in ein festangestelltes Arbeitsverhältnis gewechselt.

Von nun an war ich Berater, oder Consultant, wie es neudeutsch so schön heißt.
Ich war der Mann vor Ort, der, der beim „Kunden“ und in „Projekten“ die Kohlen aus dem Feuer holte, musste alles besser wissen, alles besser können, war auf einmal Projektleiter bei Siemens, Atos, Vodaphone und ich muss ganz ehrlich sagen, es war sehr angenehm jeden Monat gutes Geld zu verdienen, sich keine Gedanken über Steuern, Sozialabgaben, die eigene Rente oder die Krankenversicherungsbeiträge zu machen. Kein Stress mit dem Finanzamt, der Bank oder eigenen Kunden die Ihr Zahlungsziel mal wieder bis über jede Grenze hinweg ausloten wollen.

Pünktlich am Ende des Monats kam das Gehalt, es wurde von Jahr zu Jahr mehr, da ich zwischenzeitlich auch die Möglichkeit hatte meine Arbeitgeber zweimal zu wechseln konnte ich innerhalb von 4 Jahren mein damaliges Einstiegsgehalt von 2011 bis Ende 2015 nahezu verdoppeln.

Aber es gibt nun mal kein Licht ohne Schatten, ich war unterwegs, schlief in Hotels, flog am Montag weg und kam am Freitag nach Hause, lebte aus dem Rollkoffer, sah meine Familie, meine Freunde und Bekannten nur noch am viel zu kurzen Wochenende und unter der Woche saß ich mit anderen Business-Kaspern in irgendwelchen seelenlosen Business-Hotels am Standrand im Industriegebiet irgendeiner Stadt nahe meines Einsatzortes und wir tranken ein Bier oder drei.
Alle im „kleinen Schwarzen“, die Krawatte lässig aufgezogen und den oberen Knopf des weißen Hemdes offen. Mehr Freiheiten waren im „Einsatz“ nicht machbar.

Sicherlich mag es Menschen geben die so etwas gerne machen. Ich hingegen habe gelernt das Geräusch von Rollkoffern auf Marmorböden in Abflughallen und Bahnhöfen zu hassen und habe gelernt die Zeit zu Hause, im Biergarten, auf einer Party, in einem Cafe, auf der Terrasse, dem Balkon oder im Garten zusammen mit meiner Familie, meinen Freunden und meinen Bekannten zu schätzen.

Mein letztes Projekt fand in einer Entfernung von 35 km von meinem Heimatort statt, perfekte Voraussetzungen um nach der Arbeit noch ein wenig meine Freizeit zu genießen, darüber hinaus war es auch noch bei einer bayrischen Behörde. Macht sich sicher gut im Lebenslauf.

Ich kann nicht genau sagen was genau in diesem Projekt passiert ist, doch, ich weiss es schon, jedoch werde ich das hier nicht schreiben, aber nach der Businesskasper-Episode hat es mir wohl den Rest gegeben, es hat mich verändert, es hat mich krank gemacht, es hat mich zu dem Entschluss gebracht etwas zu verändern.

Es kann nicht Sinn und Zweck eines meist viel zu kurzen und unerfüllten Lebens sein, immer die gleichen sinnlose Dinge an immer dem gleichen Ort zu machen. Selbst dann nicht, wenn diese sinnlosen Dinge auch noch so gut bezahlt werden.
Außerdem bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass es keinen Unterschied macht ob man sich in einem angestellten oder freiberuflichen Arbeitsverhältnis befindet in der heutigen Zeit.
Ich tausche doch schlussendlich nur meine Lebenszeit, die sehr begrenzt ist, gegen Geld und das Geld wiederum tausche ich gegen Dinge die ich sehr wahrscheinlich nicht wirklich benötige.

Ich werde jetzt was ändern, ich weiss genau was ich ändern muss, aber ich bin mir überhaupt nicht sicher wo genau die Reise hingehen wird und ich muss ganz ehrlich gestehen, ich habe davor auch ein wenig Angst.